Sommerausfahrt 2009 des Felskaders Baden-Württemberg

Offizielles Felskletter Team des Deutschen Alpenvereins (DAV)

Sommerausfahrt 2009 des Felskaders Baden-Württemberg

Für unsere diesjährige Sommerreise nahmen wir (Kaddi Lehmann, Alex Förschler, Jochen Perschmann, Mirko Breckner und Jonas Junker) uns ganze sechs Wochen Zeit für die Erkundung der südafrikanischen Rocklands. Dort wollten wir noch auf unsere Teammitglieder Axel Perschmann und Tom Thudium treffen, die Südafrika als letzte Station ihrer Weltreise besuchten.


Ein kleiner Ausschnitt der Rocklands

Neben dem Wiederholen weltbekannter, schwerer Boulder, wollten wir mit unserer Erfahrung aus Norwegen auch Neuland in Form eines größeren Bouldegebiets erschließen.

Da bis auf Jochen noch niemand von uns in Südafrika gewesen ist, waren wir alle dementsprechend gespannt auf das, was uns erwarten sollte. Unsere vagen Vorstellungen sahen in etwa so aus: Ehemalige englische und/ oder niederländische Kolonie, gute Weine, Nelson Mandela, Fußballweltmeisterschaft 2010, Linksverkehr und natürlich beeindruckende „Fred Nicole“ Boulder aus Klettervideos, die unheimlich Appetit auf mehr machen.

Ankunft in Capetown

Ziemlich müde kamen wir nach guten 16 Stunden Flug und Flughafenaufenthalt am  „Capetown International Airport“ an. Nach dem „Abchecken“ der Mietwagen rollten wir die drei Stunden in die Rocklands hoch – für einen Linksverkehrneuling durchaus ein aufregendes Erlebnis! Der Standardfall: Beim abbiegen den Scheibenwischer anstatt den Blinker betätigen. Selbst nach vier Wochen Aufenthalt passierte es uns immer noch, zur Belustigung aller Mitfahrer. Sprüche wie:“ Haha, wieder mal back in good old Germany, was?“ waren vorprogrammiert.

Als wir dann spät in der Nacht endlich am Campingplatz ankamen, wurden wir von vielen bekannten Gesichtern herzlichst begrüßt und voller Vorfreude auf den nächsten Tag gingen wir schlafen.


Dirtroad soweit das Auge reicht

Das beste Bouldergebiet der Welt?

Am nächsten Tag konnten wir es kaum glauben was für ein Bild sich uns da bot: Rote und gelbe Sandsteinfelsen so weit das Auge reichte. Absolut unglaublich. Und beim Bouldern in einem zu Fuß erreichbarem Gebiet stellte sich das bombenfeste Gestein dann als angenehm rau heraus. Es bietet feinste Griffe in allen Formen und Größen, Sloper und Leisten dominieren die Kletterei.

Die einzelnen Sektoren der Rocklands sind von der „de Parkhuys Farm“ alle in höchstens 30 Fahrminuten  mittels sehr kurvigen und schlechten, jedoch mit einer Vollkaskoversicherung umso spaßigeren „Dirtroads“ zu erreichben. Neben größeren Gebieten gibt es auch viele kleinere die einen Besuch wert sind. Besonders beeindruckend fanden wir die Sektoren „Roadside“ und „Sassies“. Sowohl die absolut genialen Klassiker, als auch unbekanntere Boulder, sind praktisch immer von herausragender Qualität.

Jedes Jahr kommen neue Boulder in den bestehenden Gebieten hinzu, aber auch das Potential für die Erschließung weiterer Gebiete ist gegeben.

Besonders angenehm ist das Klima in den Wintermonaten von Juni bis September: angenehme Temperaturen und vor allem die extrem trockene Luft machen das Bouldern zu einem Vergnügen. In den sechs Wochen die wir dort verbrachten regnete es gerade viermal. Trotz Temperaturen um die 25 Grad kann im Schatten und vor allem am Abend bei absolut perfektem „Grip“ gebouldert werden- und das ohne großes Frieren, wie wir es von anderen Bouldergebieten in Europa gewohnt waren.

Der „De Parkhuys“ Camping

Unsere Basis war der wunderschöne „de Parkhuys“ Camping, von hier konnten wir uns in den schon erschlossenen Gebieten austoben. Mit Kletterern aus aller Welt wohnt man hier umgeben von Sandsteinblöcken auf einer Farm. Zusätzlich zu den farmeigenen Produkten wie Süßkartoffeln, Wein, Oliven, Olivenöl, Zitronen und mehr, kann man sich in der nahe liegenden Stadt Clanwilliam mit Lebensmitteln eindecken. Vor allem das Rind- und Lammfleisch ist hier günstig und von unglaublicher Qualität – kein Wunder, dass bei uns jeden zweiten Tag gegrillt wurde. Konnte beim Klettern die erwartete Leistung nicht erfüllt werden, so wurde dies von der betroffenen Person meist auf akute Fleischmangelerscheinungen zurückgeführt.

Nach dem Klettern lässt man im Camp den Tag gemeinsam am Lagerfeuer ausklingen und ab und zu gibt es auch, anlässlich eines Geburtstages, Abreise oder Durchstiegserfolges, ein kleineres oder größeres Fest, zu dem auch mal  Thys, der Besitzer der Farm, für alle ein „Spitbrai“ zubereitet. Dabei wird ein  ganzes (!) Lamm am Spieß auf offenem Feuer gegrillt und einen riesigen Eintopf mit für uns unbekanntem Gemüse zubereitet. Zu trinken gibt es Bier oder traditionell „Brandy- Coke“, sowie den guten Rotwein der Alphafarm, die direkt nebenan liegt. Die berühmten Rotweinsorten  Pinotage und Shiraz haben schon so manchem Boulder oder Hund der Farm seinen Namen beschert.

Bouldern und mehr

Ruhetage muss man in Südafrika nicht unbedingt mit Ruhe verbringen, so kann man zum Beispiel auf einer benachbarten Farm eine geführte Pferdetour machen. Morgens um halb sieben sollte es losgehen, um noch den Sonnenaufgang sehen zu können. Nachdem uns die „Basics“, wie man so ein „Ding“ steuert, erklärt wurden, ging es vier Stunden über Stock und Stein zu den uralten Höhlenmalereien der „Bushmans“.  Noch lange danach taten uns bestimmte Extremitäten beim Klettern weh, den einen schmerzten die Fersen beim Hooken, die anderen klagten über Hüftschmerzen.

Entspannter dagegen war unsere Safari, bei der wir die größten afrikanischen Tiere von nahem betrachten konnten.

Außerdem kann man bei Langeweile einen Springbokjäger auf der Jagd begleiten und dabei auch selbst schießen, Eine Tour auf einem Eselkarren mitfahren, eins der zahlreichen Weingüter besichtigen oder mit dem nötigen Kleingeld auch im nahe liegenden Meer in einem Käfig mit den Haien tauchen und diese so aus nächster Nähe sehen.

Wir alle nutzten während des Aufenthalts die Gelegenheit Kontakt mit den südafrikanischen Kindern aufzunehmen und gingen mit den Schülern einer benachbarten Schule, die von uns Kletterern zum Bouldern eingeladen wurden, in eines der nahen Bouldergebiete. Zusammen mit anderen Kletterern stellten wir unsere Crashpads zur Verfügung und gaben den Kindern ein paar Tipps. Alle Kinder waren hoch motiviert und zum Teil auch sehr talentiert. Mit den viel zu großen Kletterschuhen von uns und einem für sie unbekanntem Chalkbag um den Bauch waren die Schüler überglücklich. Manche bekamen selbst bei sehr hohen Bouldern keine Angst und marschierten die Felsen teils barfuss hoch, als ob sie schon immer geklettert wären. Das war für uns auf jeden Fall  eines der besten Erlebnisse der Ausfahrt.


Mirko in „Bloody Mary“, UIAA: ~9

Persönliche Highlights

Kaddi gelangen einige 7b und 7b+ Boulder schon im 2.Versuch. Weil sie von den Rocklands so begeistert war machte sie kaum Ruhetage und war immer dabei wenn’s ums Bouldern ging. Besonders  gefreut hat sie sich über den Durchstieg von „Throw Yourself Away“. Gerade noch rechtzeitig einen Tag vor ihrem Geburtstag konnte sie damit in den Rocklands ihre erste 7c+ bouldern.

Jochen war anfangs noch ein wenig lädiert durch zwei kaputte Ringbänder und dann legte ihn auch noch eine Erkältung, vielleicht sogar die Schweinegrippe, für ein paar Tage flach. All dies überwunden, lief es aber doch noch ganz gut. Immerhin gelangen ihm einige schnelle Wiederholungen schwerer Boulder wie zum Beispiel „Shozaloza“ 8a+ in nur 30 min, „Witness the Sickness“ 8a+ im 3. Go, eine Flashbegehung von „Shadows of Ourselves“ 7c+, die erste Wiederholung von „Cape loose Smile“ 8a und noch einige weitere Boulder bis 8a. Von seinem Erstbegehungsprojekt am Campingplatz konnte er leider nur den Stehstart klettern und nannte ihn „Bähm einfach“ (7b), den Sitzstart der etwa bei 8a-8a+ liegt musste er entnervt und mit vier aufgeschnitten Fingern an der rechten Hand frei gegeben, obwohl  es wirklich knapp war, die Zeit war dann doch zu knapp.

Alex konnte neben den Wiederholungen von „Green Mamba“ und „Black Shadow“ (beide 8b) sowie weiteren schweren Bouldern, auch zwei 7c+ Boulder („Paula Abdul“, „Pinotage“) flashen, und sich die Erstbegehung eines genialen, kühlschrankartigen Boulders, direkt neben dem Campingplatz holen. Aufgrund mehrwöchiger Krankheit bekam dieser den passenden Namen „Witness the Sickness“ (8a+)

Axel, durch das Bouldern in den Grampians (Australien) schon an den Sandstein gewöhnt gelang es sein Boulder Niveau weiter anzuheben. Sechs Boulder ab 7c+ fielen ihm zum Opfer, darunter zwei schnelle Wiederholungen des Mega Dynamos „Hole in One“ und des Knieklemmerproblems „Solar Power“, beide 7c+, wobei letzterer ursprünglich sogar mit 8a+ bewertet wurde. Desweiteren konnte er mit „Gliding through the waves like dolphins“ seinen zweiten 8a Boulder klettern.


Axel Perschmann klettert „Gliding through the Waves like Dolphins“, fb8a

Jonas konnte in Südafrika wegen einem schon vorher gerissenen Ringband nur bedingt schwer klettern. Nach einer gewissen Eingewöhnungsphase konnte er aber trotzdem einige schwere Boulder wie „Black Shadow“ (8b), Amphitheatre (8a+), „Witness the Sickness“ (8a+), „Nutsa“ 8a+ und sogar „Black Mango Chutney“ (8a) im flash begehen. Einen der schönsten Boulder verpasste Jonas den  Rocklands mit der Erstbegehung von „Timeout“ (8a+). Die wunderschöne Linie war eigentlich das Projekt von Tom, dem aber die Zeit zum Durchstieg zu knapp wurde.

Mirko reizten die höheren, von Rissen und Dächern durchzogenen Wände in der Nähe des Campings noch deutlich mehr wie die „Boulderei“. Und so machte er sich, trotz spärlich zusammengesuchten Materials, (4 Friends, einige Keile, ein Helm) auf die Suche nach einem Sicherungspartner. Dieser ließ sich nur schwer finden, da fast alle Kletterer dort vollständig vom Bouldern begeistert waren. Laut Scott, unserem Einheimischen, widmete sich noch keiner den genialen Felswänden oberhalb des Campgrounds. Und so wärmte sich Mirko mit 2 leichteren „Tradrouten“ auf, bei denen die Hauptschwierigkeit darin bestand, einen vertrauenswürdigen Abseilstand an den fragilen „Chickenheads“ am Felskopf zu finden. Nun bekam er Lust auf etwas anspruchsvolleres und stieg in eine steile Verschneidung ein, die oben mit einer Boulderpassage durch ein Dach führte. Doch erst der Mantle um die Dachkante, bei dem der letzte Friend weit unten an der Wand ist, stellte sich als Schlüsselstelle heraus. Nach ausführlichem Ausbouldern und abschätzen der Gefährlichkeit eines Sturzes, konnte er „Bloody Mary“ noch am selben Tag rotpunkt klettern.

Kurz darauf sah er das nächste Projekt vor sich. Ein paar Meter weiter links gab es noch eine andere eventuell mögliche Ausstiegsvariante. Hier stellte sich heraus, dass man an der Dachkante das plötzliche Herausschießen von drei Extremitäten einarmig abfangen musste. Die letzten Friends befanden sich mal wieder nicht gerade in Griffweite. Nach einer Erholungspause konnte Mirko auch diese Variante durchsteigen und taufte sie „Get the hook off“. Beide Touren würden, wenn man sie einbohren würde, etwa im 9ten Schwierigkeitsgrad  liegen.

Auch Tom konnte mit „Oral Office“ einen 8a+ Boulder knacken. Für sein Projekt, das ebenfalls im Grad 8a+ liegt, reichte die Zeit  leider nicht mehr. Weitere Erfolge waren für ihn „Black Velvet“, „Pendragon“ (beide 8a) sowie „Rasta Roof“ und „No late tenders“. (7c+)

 


Kaddi bei der Erstbegehung vom „Sunset Crack“, 7a

Das neue Gebiet: „Rheboksfontein“

Zusätzlich zu den Bouldern wie „Witness the Sickness“ und „Timeout“, die wir in den bekannten Gebieten erstbegehen konnten, sind wir an einem Regentag  mehr oder weniger zufällig auf ein neues Bouldergebiet gestoßen. Es liegt ca. 50 Kilometer nordöstlich vom „de Pakhuys“ Camping. Florian Schiffer und Scott Noy unterstützen uns bei der Erschließung. Das Land dort gehört einer sehr netten Farmerin, die uns erlaubt hat ein paar Tage auf ihrer riesigen Farm zu kampieren, das Gebiet zu erkunden und dort zu Bouldern. Auf ihrer Farm gab es einen kleinen „Campsite“ mit Wasser und Feuerstelle und sogar zwei außerirdisch anmutende, große Iglus aus Fieberglas mit Betten darin, die uns zunächst an eine Raumstation aus einem schlechten Sciencefictionfilm erinnerten.

Das im Vergleich zu den  bisher erschlossenen Bouldergebieten in den Cederberg Mountains, viel wildere und zugewachsenere Gebiet, erhielt den Namen der Farm: „Rheboksfontein“. Der Sandstein dort ist kaum mit Moos oder Flechten zugewachsen, was uns nach den großen Putzaktionen in Skandinavien sehr viele Quälereien ersparte. Meistens muss man lediglich etwas chalken und schon kann es losgehen. Neben zum Teil sehr hohen Bouldern mit bis zu sieben Metern, wie „Noctuary“ (7b), gibt es auch viele Dächer. Mirkos Highlight war mit Sicherheit die Erstbegehung von „Funk Explosion“ das etwa bei 7c liegt. Es handelt sich um eine lange Rissdachverschneidung, bei der man sich an Finger- und Handklemmern ständig im Kreis drehen muss.

Kaddi konnte im neuen Gebiet über 10 Boulder erschließen, unter anderem die schöne, 12 Meter lange und sehr ausdauernde Rissspur „Sunset Crack“ (7a). Direkt neben den Iglus gibt es ein großes Dach. Dort konnte sie die genialen Züge von „The Way we role“(7a+)  verbinden. Jonas schenkte dem Gebiet die beeindruckende, steile Kante „Heavy Duty“(7c+) und am letzten Tag noch das schwierige Testpiece „Cape loose smile“ (8a), welches dann auch Jochen durchsteigen konnte.

Insgesamt entstanden in „Rheboksfontein“ fast 50 neue Boulder. In dem Gebiet ist aber auch nach mehrtägigem Erschließen noch einiges an Potential vorhanden. Leider können und wollen wir aus Rücksicht auf die Besitzerin keinen Führer erstellen, da sie den Ansturm zu vieler Kletterer fürchtet.


Jonas bei der Erstbegehung von „Timeout“, fb8a+

„The Skyline“

Zusammen mit Scott Noy und Moritz Seiler, einem Freund aus Freiburg, verbrachte Kaddi ein paar Tage in einem weiteren neuen Gebiet: „The Skyline“. Das Gebiet zeichnet sich vor allem durch sehr hohe Blöcke aus. Nicht umsonst erhielten die Boulder dort Namen wie „Twin Towers“, „Ground Zero“ und „Into thin Air“.

Fazit

Insgesamt hat es uns in Südafrika und speziell in den Cederbergen sehr gut gefallen und wir waren sicher nicht zum letzten Mal dort. Südafrika ist ein wunderschönes Land mit einer einzigartigen Natur.

Die Südafrikaner, die wir trafen, waren alle sehr freundlich und offenherzig. Aber auf den Straßen sieht man auch viel Leid und Elend, man bemerkt auf jeden Fall, dass Farbige vor allem auf dem Land zur unterprivilegierten Gesellschaftsschicht gehören und auch  schlechter bezahlte Jobs haben. An dieser Situation wird sich wahrscheinlich nur langsam etwas ändern. Die Südafrikaner, mit denen wir sprachen sagten uns, dass sie sich als eine Nation, unabhängig von der Hautfarbe, fühlen. Auch wenn es bestimmt noch eine Zeit lang dauert, kann man also hoffen, dass sich die Unterschiede zwischen Arm und Reich immer mehr ausgleichen.

Abschließend möchten wir unseren Sponsoren DMM (für die Ausstattung des Felskaders mit Crashpads), Coleman (für die Austattung mit Benzinlampen für starke Nightsessions), Edelrid, Vaude, Red Chili und dem Stuttgarter Sportkletterladen Kollektiv-Sports danken.

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