Forget about life for a while von Tom geklettert 3

Eine Geschichte des nicht Aufgeben Wollens

Am Dienstag den 4. März konnte ich mit „Forget about life for a while“ (ca.Fb. 8A+/8B) meinen schwersten Boulder und mein am  längsten versuchtes Projekt durchsteigen. Ich hatte den Boulder nämlich nur schlappe 4 Jahre mehr oder minder hart versucht und somit war es definitiv eines der coolsten Ereignisse in meiner Kletterlaufbahn. Doch wie kommt es zu sowas? Warum genau dieser Boulder? Warum so viel Zeit? Warum klettert der Bub nicht einfach was Leichteres?

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Die ersten Züge

Diese Fragen sind natürlich nicht so einfach, man kommt ja schließlich nicht an einen Boulder hin und denkt sich: cooles Ding, das kann ich dann denk ich mal so in 3-4 Jahren klettern. Als ich 2010 das erste Mal da war, konnte ich mit Milchstraße den 2. Teil klettern und wollte dann natürlich auch die schweren Züge weiter unten auschecken. Es war schon irgendwie sau schwer doch redete ich mir mit der üblichen, bei mir stark ausgeprägten, Selbstüberschätzung ein, dass der Boulder schon irgendwie geht und ich ihn natürlich machen werde. Schnell verliebte ich mich in den Boulder. Klar ist der ein oder andere Griff etwas scharf und klar sifft ab und zu aus dem ein oder anderem Griff mal etwas Wasser heraus, doch irgendwie klettert sich der Boulder dennoch  sau geil und bei den 18 schweren Zügen kommt mal wirklich Flow auf. Irgendwie war auch die Entwicklungsgeschichte des Boulders etwas Besonderes für mich. Das erste Mal sah ich den Boulder im Made in Germany Video auf dem die Erstbegehung von Fabi Christoph zu sehen war. Damals fb 8b+, einer der eher schwereren Boulder im FJ. Auch in nächster Zeit war der Boulder dann noch ein paar Mal in den News zu sehen, weitere superstarke Kletterer wie Markus Bock, Wastl, Andi Barth, oder Dai Koyamada wiederholten den Boulder. Zwar ist der Boulder aufgrund neuer Varianten heut deutlich leichter bewertet, doch war es für mich damals schon faszinierend, so ein Testpiece, das auch den ganz fitten Kerlen Probleme bereitet hatte einmal selbst zu versuchen (und dabei Chancen zu haben).

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Entering the crux

Am Anfang war der Fortschritt eigentlich sehr gut und ich dachte ich kann das Teil recht flott klettern, doch irgendwie konzentrierte ich mich dann auch auf andere Projekte, der Sommer kam und es war zu warm für „Forget“, der Boulder ist nämlich  mit einer Steinplatte unterlegt und kann sich so wie ein Hohlspiegel aufheizen (andererseits kann man den Boulder somit auch bei -10 Grad versuchen, falls im Winter mal die Sonne scheinen sollte, was jedoch in Franken eher unwahrscheinlich ist).

Im nächsten Jahr war es dann sehr knapp und ich bin mehrmals am letzten schweren Zug gefallen. Dann ging‘s nach Spanien, ich wurde krank und wieder war es Sommer.

Die darauf folgenden letzten 2 Jahre meines Kletterns waren leider nicht übermäßig erfolgreich, was auch an 2 Ringbandrissen, 2 Ringbandanrissen, Außenbanddehnungen im Knie und anderen Kleinigkeiten lag. Weiterhin hatte ich in den häufigen Verletzungspausen durchaus die Zeit lecker zu kochen und das ein oder Mal feiern zu gehen. Die Folge war ein teils nur mittelmäßig austrainierter Körper, den man eher den Fels hochrollen musste, als damit schwer klettern zu können.

Beim „Forget“ war ich in dieser Zeit jedoch trotzdem öfters. Da der Boulder meist trockene Parts besitzt, man immer Teilabschnitte klettern kann und ich den Boulder einfach mag ging ich auch des Öfteren einfach nur zum trainieren da, ohne die tatsächlich Durchstiegsfitness zu besitzen.

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Training mit Motivationstickmark   Foto: Johannes Ott

Nach diversen Auf und Abs war ich letzten Herbst gar nicht mal so unfit, mir fehlte jedoch das ein oder andere Mal etwas Glück um die Touren dann auch durchzusteigen (ich hoff mal da kommt noch was im Frühjahr). Das ein oder andere Highlight gab es trotzdem: so konnte ich mit Natural Speed eine 8a+ Traverese klettern, die mich aufgrund meiner Doofheit, auch schon etwas länger beschäftigt hatte. Weiter kletterte ich an einem wunderschönen Biergartentag beim Heldbräu noch den Klassiker Killer (10).

Im November 2013 hatte ich jedoch mein persönliches Schlüsselerlebnis. Wir waren im Tessin und versuchten Amber, doch leider war ich zu unfit. Bei Frieder sah das alles lockerer aus. Doch war dies kein Wunder. Es hatte einen Grund: Er trainierte einfach viel härter als ich. Ich nahm mir vor dem Beispiel zu folgen und  auch eisenhart zu trainieren. Eine weitere Inspiration war einer der Erfinder des Beastmakers: Ned Freehally. Dieser kletterte mal eben völlig locker mein Projekt in Chironico in 5 min. Ich brauche auch so viel Fingerkraft wie er.

So war der Beastmaker an erster Stelle auf der Weihnachtswunschliste, es wurde eine Diät angefangen, das Bier fast aufgegeben und ein Trainingsplan aufgestellt. Der Wille war da. Doch da das Leben ja immer fair ist wurde ich erstmal krank und nix war mit trainieren. Doch egal für die Diät war es nichtmal so schlimm und ich war unmittelbar nach der Krankheit viel leichter und schon recht fit. Jetzt konnte das Training beginnen. Zwar war Lernzeit angesagt, doch das Griffbrett hing über der Tür, die Trainingstabelle war geöffnet, die Stoppuhr an und so wurde effektiv reingehauen.

Da ich, als selbstanalysiertes Adhs Kind, mich jedoch ehh nicht lang konzentrieren kann und die Felssucht stark ausgeprägt ist, musste ich trotz Lernzeit natürlich auch jetzt wieder an mein Lieblingsprojekt: „Forget“. Zwischen den Goes wurden dann teils Aufgaben gerechnet und die Versuche wurden immer besser. Es funktionierte eigentlich ganz gut, doch manchmal lenkt es dann halt doch ab wenn man beim Einstieg noch über die Grenzen eines Integrals nachdenkt. Danach ging‘s dann meist trotzdem ans Griffbrett, da ich die Systematik nicht verlieren wollte und vor allem Leistenkraft aufbauen wollte (die man im Forget aber eher weniger braucht). Als Lieblingstag kristallisierte sich vor allem Samstag heraus, da man, wenn man bei Sonnenuntergang zurückführ pünktlich zur Sportschau zurück war. Das Sportschautraining ist ging nun von 18.30 bis 20 Uhr und stellt sich so als sehr effektiv heraus. Allerdings musste ich bei den aktuellen Leistungen des Vfb nicht nur wegen dem Laktat im Unterarm sehr leiden. Doch wer sagt da noch Fernsehschauen wär schlecht für die Fitness, man muss lediglich das Griffbrett richtig positionieren.

Langsam wurden die Goes auch richtig gut und ich kam fast immer über den schweren Part und fiel in der 7c am Ende. Eigentlich schon doof, da ich diesen Teil zum aufwärmen, abwärmen und schleifen schon mehrere 100 Male geklettert hatte (ist glaub tatsächlich so oft). Aber Egal, im besten Go rutschte mir mal wieder beim letzten Zug der Toehook, der mal wieder etwas nass war. Danach war klar ich kann das klettern, doch bei einem 4 Jahresprojekt kann das dann doch auch nicht so schnell gehen. Einmal holte ich mir einen Kaltpump beim aufwärmen, einmal war ich noch platt vom Training zuvor und dann kam da auch noch der blöde Kopf ins Spiel irgendwie war da eben immer eine latente Nervosität da, wenn ich gen Ende kam.

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Der eigentliche Cruxzug

Mittlerweile war meine Prüfung auch bestanden (wenn auch deutlich knapper als erwünscht) und der Plan war erstmal Tessin, dann Arbeiten, dann Fontainbleau, dann Albaracin und dann Exkursion in Sizillien. Hard life. Doch wann Forget? Kommt der Sommer dieses Jahr wieder zu früh? „Glücklicherweise“ wurden wir im Tessin nach 4 Tagen guten Bedingungen ordentlich eingeschifft. Es gab nochmal ein 4-Tages Zeitfenster in Franken für mich. Und die Pause am Projekt tat gut. Physich und Psychisch topfit, fühlte ich mich stark wie nie. Der Bisherige Stopperzug klappte und ich wollte gerade die Füße kommen lassen, da rutschten eben diese leider unkontrolliert weg und ich saß auf dem Boden. Shit. In den nächsten Goes fühlte ich mich schon deutlich schlechter. War das aufwärmen wieder mal zu kurz? Wieder verbemmelt? Im 3. Go fühlte ich mich wieder besser und kam ganz gut in den Flow. Der Stopperzug klappte, Füße kommen lassen auch. Jetzt nur noch 6a. Doch was dann passierte kann ich immer noch nicht verstehen. Irgendwie kam plötzlich der Mann mit dem Hammer in meinem Unterarm, ich war schlagartig gepumpt, erwischte den Griff nicht und wieder Hosenboden. Doch es kam noch ein Go. Mittlerweile war ich schon so platt, dass ich eigentlich an gar nichts mehr glaubte, doch ich konnte wider Erwarten noch mal über den kompletten schweren Part klettern, doch wieder das gleiche Ergebnis. Ich fiel in dem 6a Teil in dem ich eigentlich winken, schütteln, pfeiffen, oder über Gott und die Welt reden kann.  Wie blöd bin ich eigentlich?

Der nächste Ruhetag war hart, natürlich wusste ich, ich kann den Boulder klettern, doch musste es am nächsten Tag sein, denn dann ging es Arbeiten in Stuggi und dann gen Süden und danach wird Sommer sein. Der Boulder wurde weitere Tausend Mal im Kopf geklettert, was die Anspannung leider aber nicht sinken lässt.

Einfach wäre es denn Boulder jetzt im ersten Go zu klettern und das Kapitel abzuschließen, ich fühlte mich jedoch nach nur einem Ruhetag nicht sonderlich fit, doch im ersten Go endete es wieder in der 6a Traverse. Scheiße! Noch ein Go und diesmal noch weiter, sowas ist mir noch nie passiert, mittlerweile zweifelte ich wirklich an meinen Gesamtfähigkeiten als Kletterer kann ich gar nichts mehr durchsteigen, bin ich zu doof, hab ich gar keine Ausdauer mehr? Mit solchen Fragen im Kopf musste mal wieder Pause machen. Nur dasitzen ging einfach nicht. Um im Kopf runterzukommen musste ich mal wieder knapp ne Stunde durch den Wald wandern um Boulder anzuschauen und runterzukommen (leider kenn ich langsam schon alle Boulder in der Umgebung). Dann der nächste Go. Moritz war vorbei gekommen und feuerte kräftig an. Ich fühlte mich etwas platt und die Bedingungen waren auch nicht optimal. Doch wieder gelang der Füßekommenlasser und dann war ich wieder in der 6a und wieder war ich platt, doch ich wollte und zwar mit aller Kraft. Diesesmal konnte ich fighten und irgendwann war ich am Top. Wie schon des Öfteren musste ich Innbrünstig in die Welt schreien, doch dieses Mal aus Freude und nicht aus Frust. Wahnsinn. Solche Momente sind einfach unvergesslich.

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Und nochmal der Dyno

Und dies ist auch der Grund warum man sich sowas antut. Im Endeffekt haben natürlich 2143 Versuche mit lautstarkem Fluchen geendet und lediglich nur einer mit einem Jubelschrei. Klar kann man viele Boulder, die leichter sind in kürzerer Zeit klettern, klar kann man sich besser anstellen doch man wird sich nie so intensiv an diese Leistungen erinnern können. Dafür muss man einfach investiert haben und ob es jetzt für die erste 7c, 8b oder 8c ist, spielt da eigentlich keine Rolle.

Weiter denke und hoffe ich, dass ich durch diesen Boulder mal wieder ein neues Level in meinem Klettern und meiner Motivation erreicht habe und ich in Zukunft dann öfters Mal von noch schwereren Bouldern oder Routen berichten kann. (Ich mach das dann auch nicht wieder viel zu lang wie dieses Mal, sorry).

3 thoughts on “Forget about life for a while von Tom geklettert

  1. Reply SimonB Mrz 19, 2014 6:01 pm

    wir sind stolz auf dich!!!
    deine HELDEN

  2. Reply HansR Mrz 22, 2014 1:02 am

    Wow, saustark! Tolle Geschichte, gut geschrieben!

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